Ein Bericht von Eva Marxen

Die Portugiesin Suzana Mendes bietet jeden Herbst einen Clavichordkurs an der Algarve an. Eine Woche lang treffen sich Clavichord-Enthusiasten zum intensiven Unterricht und fachlichen Austausch in einem Hotel im Süden Portugals.

 

 

Im Ausklang der Urlaubssaison ist das Wetter an der Algarve meist noch mild und sonnig, zugleich haben aber die Surfer und Badegäste einer entspannten Ruhe Platz gemacht. In diese hinein klingen jedes Jahr im Herbst die sanften Töne eines Clavichords. Die Portugiesin Suzana Mendes, die seit 20 Jahren in Köln lebt, versammelte im Oktober 2015 eine Gruppe von Clavichord-Spielern an der Algarve. Das Teilnehmer-Spektrum reichte von ehemaligen Berufsmusikern, die mit dem Clavichord ein neues Instrument lernen wollten über Einsteiger bis zu langjährigen Clavichord-Liebhabern. Und so unterschiedlich waren auch die Herkunftsorte der Teilnehmenden: aus Basel, Madrid, Barcelona, Amsterdam, Oberhausen und Oberwinter waren Clavichord-Liebhaber angereist, um gemeinsam eine Woche lang in Portugal zu musizieren. Die offizielle Unterrichts-Sprache war zwar Englisch, doch hörte man die Lehrerin Suzana Mendes auch auf Deutsch, Holländisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch unterrichten, erzählen und scherzen.

Die Motive, sich so intensiv mit dem Instrument zu beschäftigen, waren dabei vielfältig. Antonio Albors Fonda aus Madrid spielt seit einigen Jahren Clavichord. „Hierher zu kommen und zu hören, was ein Profi dazu sagt, ist besonders interessant für mich. Ich spiele als Amateur doch meistens alleine“, so der Geschäftsmann. Albors Fondas besonderes Interesse gilt der spanischen Musik des 16. Jahrhunderts, die zwar oft für Orgel komponiert, dann jedoch auf kleinen Clavichords zu Hause gespielt wurde. Ein solches Instrument hatte Suzana Mendes nach Portugal mitgebracht und Albors Fonda freute sich darauf, es zu spielen. Er hatte vor einem Jahr ein solches Clavichord bei einem Bauer bestellt und wartet nun noch sehnsüchtig darauf. Colin Whiteley, der gebürtiger Londoner ist und seit 40 Jahren in Barcelona lebt, wollte nicht so lange warten und nahm den Bau einfach selbst in die Hand. Dabei herausgekommen sind ein Cembalo und ein Clavichord und sehr viele Einsichten in die Beschaffenheit dieser Instrumente. Auch Suzana Mendes hat sich im Jahr 2001 ein Clavichord selbst gebaut, eine Kopie eines Krämer, Göttingen, 1804. Neben dem Instrumentalunterricht (u.a. Robert-Schumann-Universität, Düsseldorf) lehrt Suzana Mendes auch die Instandhaltung und Pflege alter Tasteninstrumente, sodass die Teilnehmer des Kurses auch in dieser Hinsicht viel dazulernen und Erfahrungen austauschen konnten.

Für Tobias Sing, der als Biologe und Informatiker in Basel arbeitet und seit 30 Jahren begeistert Klavier spielt, führte der Weg über Orgel und Cembalo zum Clavichord. Mit dem neuen Instrument ging auch die Erweiterung seines Repertoires einher: „Suzana hatte uns vorab ältere spanische und portugiesische Stücke geschickt, auf die wir uns vorbereiten sollten, da habe ich unglaublich viel tolle Musik kennen gelernt.“ Die Teilnehmer des Kurses brachten auch selbst Musikstücke mit, um diese gemeinsam zu erarbeiten. Gespielt wurden im Laufe der Woche Werke von Cabezon, Carreira, Mudarra, Bruna, Gibbons, Dowland, Böhm, Byrd, Froberger, J.S. Bach, C.P.E. Bach, Haydn und Mozart.

Im Wechsel arbeiteten die Teilnehmer an ihren jeweiligen Themen. Colin Whiteley berichtet: „Wir haben hier alle sehr viel dabei gelernt, den anderen beim Spielen zuzuhören. Und natürlich haben wir schöne neue Freundschaften geschlossen unter Leuten mit gemeinsamen Interessen, was hocherfreulich ist.“ Auch Werner Funke aus Oberhausen betonte die Vorzüge des Austauschs mit Gleichgesinnten: „Ich habe den Eindruck, dass dieses Instrument eine Faszination ausübt und neugierig macht, egal ob es Profis oder Amateure sind. Das Instrument hat eine Kraft, ganz unterschiedliche Menschen zusammen zu bringen.“ Für Werner Funke war es bereits der dritte Kurs bei Suzana Mendes. Der Architekt spielt neben dem Beruf Klavier und Orgel und ist seit fünf Jahren vom Clavichord fasziniert. „Das Clavichord war für mich immer ein Instrument, das mit Geheimnissen verbunden war“, erzählt er, „wenn ich Gelegenheit hatte, eines anzufassen, habe ich festgestellt, wie schwer es ist, einen schönen Ton zu erzeugen. Der Ton fällt einem nicht in den Schoß wie bei der Orgel oder wie beim Klavier, sondern er muss entwickelt werden. Aber dafür bekommt man dann etwas zurück: je mehr man auf das Instrument und seine Eigenarten eingehen kann, umso schöner wird der Ton“, so Funke weiter. Für den Kurs hatte er Haydn-Sonaten mitgebracht, die er bereits auf dem Klavier gespielt hatte. „Man glaubt ein Stück zu kennen, ich will nicht sagen zu beherrschen, und stellt dann fest, dass das Clavichord ganz andere Anforderungen stellt und beginnt an dieser Stelle wieder von vorn.“ Um das Gelernte alleine noch weiter zu üben und zu festigen konnten sich die Teilnehmer in Übelisten für zwei Räume eintragen. In einem dieser Räume gab Suzana Mendes zum Abschluss des Kurses ein Konzert, zu dem auch die anderen Gäste und Mitarbeiter des Hotels eingeladen waren. Es fand sich ein intimer Kreis aufmerksamer Zuhörer ein, die zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben ein Clavichord zu hören bekamen und sich von den sanften Tönen des Instruments verzaubern ließen.

Abgesehen von den Unterrichtseinheiten werden auch die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, im Hotel oder in einem der Strandrestaurants, die auf frischen Fisch spezialisiert sind und Ausblicke auf den wilden Atlantik und atemberaubende Sonnenuntergänge bieten. Am Tisch wird dann gefachsimpelt: es geht um Komponisten und Werke, Instrumente und Instrumentenbauer oder auch mal um portugiesisches Essen und guten Wein. Und wer mal eine Abwechslung zum Musizieren braucht, für den bietet die Umgebung zahlreiche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Spaziergänge an der Küste, ein Bootsausflug, bei dem man Delfine und Wale beobachten kann, eine Eselwanderung durch die Berge oder die Besichtigung gothischer Kirchen, mittelalterlicher Forts oder mystischer Stätten mit Hinkelsteinen umrahmen die musikalischen Aktivitäten. Die Algarve ist im Herbst (nicht nur) für Clavichord-Liebhaber auf jeden Fall eine Reise wert.